"It felt like someone emerged from The Big Bang Theory."
copyright Lutz Roeßler

Originally from the Luebecker Nachrichten newspaper, Sunday, February 2, 2014.

Timmendorfer Strand. Es wirkt ein wenig, als sei Dmitri Hayes direkt der US-Kultserie „The Big Bang Theory“ entsprungen. Im grauen T-Shirt mit einem MIT-Schriftzug steht der 20-Jährige vor dem 12. Jahrgang des Ostsee-Gymnasiums in Timmendorfer Strand und redet über den Glofish — eine gentechnisch modifizierte Fischart, die in den buntesten Farben fluoresziert. Er zeichnet ein DNA-Bild an die Tafel, spricht über Zellteilung und übers Klonen. Alles auf englisch natürlich. Der junge Amerikaner studiert Gehirn- und Kognitionswissenschaft am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Ein echter Nerd wie die Wissenschaftler im TV scheint er allerdings nicht zu sein, eher einfach ein cooler College-Student. Drei Wochen lang unterrichtete er jetzt an dem Gymnasium in Ostholstein.

Dabei sei Biologie eigentlich gar nicht sein Spezialgebiet, erzählt Hayes. Dafür läuft es aber ganz gut. Die Schüler schreiben eifrig mit und beantworten knifflige Fragen. „Das ist das beste, wenn man merkt, die Kids haben verstanden, was man ihnen erzählt“, sagt der 20-Jährige. Er gehört zu einer ausgewählten Gruppe von Studenten, die im Rahmen des MIT-Projektes „Global Teaching Labs“

weltweit an Schulen entsandt werden, um dort für eine kurze Zeit zu unterrichten. Dieses Unterrichtsangebot umfasst die sogenannten MINT-Fächer: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

Weltenbummler

Im Vorjahr war Hayes in China unterwegs. Dieses Jahr bewarb er sich für Deutschland. „Hier sind die Schüler viel aufgeschlossener als in Asien, was das Mitmachen im Unterricht angeht“, lobt Hayes seine Klasse. Neben den „Methoden der Mikrobiologie“ ungerichtet er in Timmendorfer Strand auch Linguistik im Englischunterricht. „Beide Seiten profitieren von dem Projekt“, meint der smarte US-Boy.

„Ich lerne viel von der Welt kennen — und die Schulen bekommen einmal einen anderen Stil des Unterrichts“, sagt er.

So sieht es auch der Rektor des Ostsee-Gymnasiums: „Für die Schüler ist das anfangs etwas gewöhnungsbedürftig, wenn sie im Biologieunterricht in englischer Sprache fachlich anspruchsvollen Themen behandeln“, sagt Schulleiter Thomas Müller. „Diese besondere Form von Unterricht wird aber schnell akzeptiert — besonders dann, wenn ein qualifizierter und sympathischer 20-jähriger Student einer amerikanischen Elite-Uni einmal zur Abwechselung für einige Stunden Unterricht übernimmt.“

In Lübeck sorgt Melodi Anahtar für die gleiche Abwechslung. Die 19-jährige Studentin ungerichtete drei Wochen lang an der Oberschule zum Dom (OzD). „Der Januar ist bei uns in Cambridge der Relax-Monat. Wir können machen, was wir wollen“, erzählt sie. Und die junge Studentin entschied sich fürs Lehren im Ausland statt fürs Faulenzen. Unter 70 Bewerbern für das Programm wurde sie als eine von elf Studenten ausgewählt. Dass ihre Schüler in Deutschland fast genauso alt sind wie sie, verwunderte Anahtar am Anfang allerdings schon. „In den USA gehen wir in dem Alter meist schon das zweite Jahr aufs College — aber es ist okay. So sind wir auf einer Wellenlänge.“ Und dazu passt es, dass sie keine Hausaufgaben aufgeben mag. „Ich will ja, dass die Schüler mich weiter mögen“, sagt sie lachend.

Projekt läuft seit 2009

Da kommt Britta Schulze ins Spiel. Normalerweise unterrichtet die OzD-Lehrerin den 11. Jahrgang in Bio — während Melodi Anahtar da war, nahm sie allerdings in der letzten Reihe des Klassenraumes Platz. Sie hörte zu, griff nur ein, wenn einmal Verständigungsprobleme auftauchten. Aber: „Die Hausaufgaben kamen dann doch von mir“, sagt sie schmunzelnd. 2010 nahm Schulze an einer Lehrerfortbildung am MIT teil. Gemeinsam mit Marcel Muth vom Ostsee-Gymnasium, der an dem Programm zwei Jahre zuvor teilnahm, koordiniert sie das gemeinsame Projekt der beiden Gymnasien. Mit Dmitry und Melodi waren seit 2009 jetzt zum dritten Mal US-Studenten als Lehrkräfte in der Region im Einsatz.

Die Lübecker Firma Euroimmun hat als Sponsor dabei einen großen Teil der Gesamtkosten des Projektes übernommen. „Unser Technologie-orientiertes Unternehmen lebt von internationalen Kooperationen.

Wann immer sich eine Gelegenheit ergibt, mit ausländischen Forschungseinrichtungen in Kontakt zu treten, machen wir davon Gebrauch“, sagt Winfried Stöcker, Vorstandsvorsitzender von Euroimmun.

Die Schüler beider Gymnasien sind von dem Projekt jedenfalls begeistert — und jetzt wissen einige von ihnen sogar, warum der Glofish im Wasser so bunt leuchtet.

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